2012

Michael Triegel - Die Verwandlung der Götter

In der Kirche San Clemente in Rom kann man physisch erleben, wie Kulturen aufeinander aufbauen, sich Zeiten durchdringen. Archetypen verwandeln sich, um ihren Kern zu retten. Von der Oberkirche steigt man in die mit alten Fresken geschmückte Unterkirche hinab, unter der sich wiederum ein Mitrasheiligtum befindet, hinter dessen Wänden fließendes Wasser zu hören ist, gleichsam als Symbol vergehender Zeit. Generell versuche ich in meiner Kunst und besonders auch im großen Gemälde „Verwandlung der Götter“ aus dem Jahre 2010, Geschichte – auch Kunstgeschichte – nicht als eine lineare Aufwärtsbewegung zu verstehen; die Ebenen der Realität geraten in Bewegung, Motive und Zeiten verschieben sich kalaidoskopartig, das Göttliche wird vermenschlicht, das Menschliche erfährt seine Apotheose.

Auf dem gemalten Sockel – gerade enthüllt – erscheint Mitras, der persische Lichtgott, der Mittler zwischen Licht und Finsternis, Gut und Böse, Orient und Okzident, der seinen Geburtstag wohl nicht zufällig mit dem oben erscheinenden göttlichen Kind teilt: den 24. Dezember. Nikolaus von Kues spricht von den vielen „Gesichtern Gottes“, wir heute mit C. G. Jung von Archetypen. Vor dem Jesuskind kniet eine nackte männliche Figur, die mit dem dargebotenen brennenden Herzen an den heiligen Augustinus denken läßt, dessen Kopf verhüllt ist, der mit dem Herzen, dem Lebenszentrum sieht. Auch er ist ein Mittler zwischen den Zeiten, zwischen Antike und Christentum, Plotin und der Bibel, platonischem Eros und christlicher Charitas.

Aber was geschieht um das Kind herum? Wohin führen die Leitern, sind es die Leitern der Kreuzabnahme oder Himmelsleitern, die auf eine Auferstehung verweisen? Doch je weiter der Blick emporwandert wird er nicht das erlösende Heil, sondern im Lamm das Opfer und weitere Symbole des Todes wahrnehmen. Die sich exaltiert gebärdenden Figuren sind nicht voll menschlichen Lebens, sondern zeigen sich als hölzerne Gliederpuppen; die diskutierende Menge nimmt die Geschehnisse nicht wahr. – Eine Erwartungshaltung wird in ihr Gegenteil verkehrt, so wie im Gemälde die Malerei der alten Meister behauptet wird, die Ikonografie dieser aber widerspricht. Dennoch sind die Sphären miteinander verbunden, durch Fäden symbolisiert, die im Zentrum des Bildes, in den Händen der Lebendigsten Figur – der des Kindes – zusammenlaufen.

Ich bemühe mich stets um das künstlerische Prinzip der Metamorphose, jenes Prinzip, das in Epochen des Umbruchs, in Zeiten der Verunsicherung besonders wirkmächtig wurde: bei Ovid und Apuleius oder den Manieristen des 16. Jahrhunderts, den Romantikern, den Surrealisten. Das Vertraute wird fremd; das Fremde, Ferne, Vergessene erscheint vertraut und überraschend neu zugleich. So spielt das Gemälde „Verwandlung der Götter“ auf einer anderen Ebene auch mit dem Paragone-Streit, einer Diskussion des 16. Jahrhunderts über die Wertigkeit und Vorherrschaft der verschiedenen Künste, die zur Entwicklung des concettismo führte, der wiederum die concept art unserer Tage präfiguriert. Natürlich scheint bei mir die Malerei zu triumphieren, die fast plastisch greifbar, vollkommen materialmimetisch erscheint, während die Plastik – die Mitrasgruppe - nur eine zweidimensionale Reproduktion ist, die gerade enthüllt wurde, wobei wiederum der kostbare Stoff auf den Streit zwischen Zeuxis und Parrhasios verweist. Diese Ambivalenzen mögen andeuten, daß es bei meinen Bildern selten eine eindeutige und lineare Lesart gibt, es mir vielmehr um eine ars combinatoria geht, die kein abschließendes dixit des Künstlers postuliert, sondern den Betrachter zu einer aktiven und durchaus subjektiven Arbeit mit dem Bild auffordert. Dabei sollen auf den ersten Blick rein ästhetisch-formale Details auch Inhaltsträger sein, so wie der Rahmen des Bildes. Aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammend erinnert er an die Zeit der Hochrenaissance; erhalten habe ich ihn aus dem Nachlaß Werner Tübkes: Brückenschlag und Kontinuum.

Gerade haben wir des 200. Todestages Heinrich von Kleists gedacht, und ich las nochmals seinen mir einst so wichtigen Text „Über das Marionettentheater“, an den ich während der Arbeit am Verwandlungsbild nicht bewußt gedacht habe und der mir nun zu einem Schlüssel für das Verständnis meines eigenen Bildes geworden zu sein scheint: göttliches Kind und tote das Leben imitierende Marionetten, das Herz als Zentrum des Körpers und die Fäden als Zentrum des Bildes. Bei Kleist lauten die letzten Sätze der Schrift so: „…oder das Bild des Hohlspiegels, nachdem es sich in das Unendliche entfernt hat, plötzlich wieder dicht vor uns tritt: so findet sich auch, wenn die Erkenntnis gleichsam durch ein Unendliches gegangen ist, die Grazie wieder ein; so, daß sie, zu gleicher Zeit, in demjenigen menschlichen Körperbau am reinsten erscheint, der entweder gar keins, oder ein unendliches Bewußtsein hat, d. h. in dem Gliedermann, oder in dem Gott. Mithin, sagte ich ein wenig zerstreut, müßten wir wieder von dem Baum der Erkenntnis essen, um in den Stand der Unschuld zurückzufallen? Allerdings, antwortete er; das ist das letzte Kapitel von der Geschichte der Welt.“